Digital Detox bringt nichts! 7 Tipps die wirklich helfen!

von Sebastian Bluhm

Urlaubszeit ist vielfach mit dem Wunsch verbunden, die Nutzung von Smartphones und anderen digitalen Geräten für einen gewissen Zeitraum bewusst zu reduzieren. Analog einer Entgiftungskur soll es eine Entgiftung von der Nutzung digitaler Medien und Geräte geben. Warum ein temporärer „Digital Detox“ nicht die Lösung ist und wie man es dauerhaft besser machen kann, möchte ich heute vorstellen.

Gehirn im Dauerstress mit gesundheitlichen Folgen

Im Jahr 1975 lautete die Mission von Microsoft „ein Computer auf jedem Schreibtisch und für jedes Haus“. Im Jahr 2020 kann man festhalten, dass diese Vision von Bill Gates um ein Vielfaches übertroffen wurde. Heutzutage hat nahezu jede Person 1 (z.T. auch mehrere) Smartphones ständig bei sich. Ein Smartphone ist heutzutage nichts anderes als ein leistungsfähiger Computer. Statt jedoch auf dem Schreibtisch zu stehen, begleitet uns dieses Gerät quasi rund um die Uhr an alle Plätze. Für unser Gehirn und den ganzen Organismus gleicht es einer Dauerbelastung mit ggf. negativen Auswirkungen.

FoMO & Digitaler Burnout

Mehr als 2 Stunden pro Tag nutzen Menschen heute ihre Smartphones, andere elektronische Geräte sind in dieser Messung nicht berücksichtigt. Dies führt am Tag zu mehr als 200 Blicken eines Menschen auf sein Smartphone. Der Grund hinter diesem Phänomen kann am sogenannten FoMO (Fear of missing out, siehe Wikipedia) liegen, also der Angst etwas zu verpassen und ist eine Form der gesellschaftlichen Beklemmung. Man schaut also immer und immer wieder auf das Smartphone, weil man denkt etwas zu verpassen. Dieses Verhalten verstärkte sich mit dem Wachstum der sozialen Netzwerke und kann im schlimmsten Fall in Internetsucht oder einem digitalen Burnout münden. Wer fühlt sich nicht schon einmal getrieben und fremdbestimmt von seinem Smartphone durch täglich x E-Mails, Posts bei Facebook, Videos bei YouTube, unzählige private WhatsApp Gruppen und einige Spiele? Der Wunsch nach einer digitalen Entgiftung hat uns alle sicher schon einmal beschäftigt.

Darum hilft temporärer Detox nicht, außer als Anfang

Gerade jetzt in der Urlaubszeit kommt der Wunsch einer digitalen Entgiftung auf. Leider muss ich an dieser Stelle eine kleine Enttäuschung aussprechen. Ein kurzfristiger digitaler Detox wird keine Heilung oder Gesundung einer grundsätzlichen Verhaltensstörung bewirken können. Etwas salopp gesagt wird der Kettenraucher durch 2 Wochen Enthaltsamkeit im Urlaub (wenn dies überhaupt geht) auch nicht gesunden, wenn er danach normal weiter pafft.

Es geht vielmehr um ein bewusstes Wahrnehmen des eigenen Verhaltens, um es dann sinnvoll und dauerhaft verändern zu können. In diesem Prozess kann auch der Test eines digitalen Detox im Urlaub ein lohnender Anfang sein. Für diesen Weg habe ich einige Empfehlungen und Tipps zusammengestellt.

1. Tipp: Nutzung bewusstmachen und messen

Viele Menschen sind quasi abhängig von den kleinen elektronischen Helfern. Diese Abhängigkeit ist jedoch komplett freiwillig erfolgt, niemand hat die Nutzer mit Waffengewalt dazu gezwungen. Auf diesem Weg nutzen die Hersteller von z.B. Social Media Dienste bewährte psychologische Methoden, um die Nutzer unterbewusst zu konditionieren. Wenn die Nutzung von Diensten und Apps beim User nur noch im Unterbewusstsein stattfindet, hat man jede aktive Steuerung und Kontrolle über diese Handlungen bereits verloren. Und dies sind mehr Dinge als man denkt!

Von daher sollte jeder einmal schauen, welche Zeit er pro Woche mit welchen Diensten verbringt. Mich haben die Ergebnisse im ersten Moment schon schockiert. Um an die Daten zu kommen, stellen die Smartphone-Hersteller bereits von Haus aus Auswertungen bereit. Man muss sich nur trauen diese auch anzuschauen und das Drama der Ergebnisse zu ertragen. Auch eine Strichliste oder Auflistung zu solchen Tätigkeiten kann sinnvoll werden, es geht um das Bewusstmachen von eigentlich unsichtbaren, weil im Unterbewusstsein stattfinden Aktionen.

2. Tipp: Social Media nur am Desktop

Social Media ist der Zeitdieb Nummer 1 bei der Nutzung. Die Dienste sind darauf angelegt, dass man möglichst lange im Netzwerk gehalten werden soll. Von daher sollte man Social Media Apps vom Smartphone verbannen! Wer diesen Schritt (schweren Herzens) durchführt, erlebt eine ungewohnte Freiheit. Versprochen. Damit erhöht sich die Aufwandsschwelle für die Nutzung und man übt am Computer eine aktive Nutzung aus.

Nach solchen Prinzipien arbeiten ganz viele erfolgreiche Personen, die vor allem über die sozialen Medien ihre Aktivitäten und Geschäfte durchführen. Nur am Desktop Rechner oder einem speziellen Smartphone (für die Social Media Aktivitäten) werden entsprechende Dinge erledigt.

3. Tipp: Mensch geht vor Bildschirm

Wer kennt es nicht: Man ist im Urlaub und alle Menschen dort haben eigentlich nur Freizeit und können sich erholen und mit ihren Liebsten wertvolle Zeit verbringen. Wenn man genau hinschaut, sieht man ganz viele Smartphonedauernutzer. Ob an der Liege am Pool, am Strand oder sogar beim Abendessen im Restaurant, ganze Familien reden nicht miteinander, sondern jeder starrt für sich in sein Gerät. Beängstigend. Traurig wird es dann, wenn Eltern sich nur dem Smartphone widmen und die (kleinen) Kinder damit faktisch ignorieren.

Wir sollten uns alle hier auf unser Miteinander besinnen. Der Mensch in meiner Nähe geht immer dem Bildschirm oder Gerät vor. Es ist eine Form der Höflichkeit und der Präsenz, wenn man im hier und jetzt mit seinen Mitmenschen agiert. Unsere Mitmenschen (und auch kleine Kinder) merken, wenn man abwesend in Unterhaltungen erscheint, weil man irgendetwas schon wieder mit einem Gerät „erledigen“ muss. Es ist eine wichtige Form der Wertschätzung, wenn wir mit voller Aufmerksamkeit bei unseren Gesprächen sind.

4. Tipp: Handy stumm in die Hosentasche

Wo liegt eigentlich das Handy bei der Arbeit? Eigentlich eine banale Frage, jedoch mit einer großen Wirkung. Viele Menschen platzieren ihr Mobiltelefon sehr prominent auf dem Schreibtisch, in bester Sicht- und Reichweite. Der Ablenkungsfaktor (Nein, Multitasking funktioniert beim Menschen nicht) ist dann enorm hoch, weil regelmäßig Nachrichten erscheinen, im schlimmsten Fall garniert mit einem Ton. Damit ist konzentriertes Lesen, Denken oder Arbeiten faktisch unmöglich, der Stressfaktor steigt jedoch von Nachricht zu Nachricht.

Ich habe festgestellt, dass es für mich sehr gut funktioniert, wenn ich das Smartphone in meiner Hosentasche trage. Also nicht sichtbar auf dem Schreibtisch oder irgendeinem Ständer. Zusätzlich ist mein Gerät immer im „lautlos“ Modus und meldet sich nur bei Anrufen und SMS mit einer Vibration. Auf diese Weise sinkt die Präsenz des Gerätes enorm, ich muss es aktiv aus meiner Hosentasche holen, um etwas anzuschauen. Je aufwändiger die Schritte zum Smartphone sind, desto besser, um eine effektive Barriere für unser Unterbewusstsein zu schaffen.

5. Tipp: Pushnachrichten radikal abstellen

Wer hat eigentlich diese Push-Benachrichtigungen erfunden? Es kann nur ein genialer Erfinder oder der Teufel persönlich gewesen sein. Diese Nachrichten kamen in den letzten Jahren mehr und mehr in Mode. Zusätzlich stieg die Anzahl der Anwendungen auf den Smartphones und die gesamte Nutzungsdauer am Tag erhöhte sich. Die Pushnachricht ist der kleine Marktschreier der Apps und platziert uns die ach so wichtigen Dinge direkt vor den Augen.

Von daher: Mistet die Pushnachrichten radikal aus. Wenn überhaupt sollten diese nur bei wirklich wichtigen Dingen (war auch immer es ist), also beim Weltuntergang oder Katastrophen kommen, nicht aber wenn Susie44 auf Instagram einen Post abgesetzt hat. Gleiches gilt natürlich auch für diese Benachrichtigungen auf deiner Smartwatch. 

6. Tipp: Eine Uhr tragen

Eigentlich ein recht simpler Rat, jedoch mit hoher Wirkung. Heutzutage nutzen viele Menschen das Smartphone als Wecker und Uhr, weil sie keine Armbanduhr mehr tragen. Damit greifen diese Personen permanent zum Telefon, um die Zeit nachzuschauen, gepaart natürlich noch mit den ganzen anderen Dingen auf dem Display.

Das Tragen einer Uhr kann hier eine deutliche Reduktion herbeiführen.

7. Tipp: WhatsApp Gruppen stumm stellen

Gerade WhatsApp ist Fluch und Segen zugleich. Man kann über den Mehrwert des Dienstes natürlich lang und breit streiten, jedoch ist der Dienst aus dem Alltag kaum noch wegzudenken. WhatsApp Kommunikation (und vor allem Gruppen darin) neigen jedoch zu inflationärer Nachrichtenerzeugung. Mir ging diese Entwicklung vor einigen Jahren extrem auf die Nerven. Nach einigem Ausprobieren habe ich dann die entsprechenden Gruppen stumm geschaltet. Diese Funktion kann man für jede Gruppe einstellen, ich mache es immer für die Dauer von einem Jahr. Dann kann ich ganz in Ruhe (einmal am Tag) die Nachrichten durchschauen und ggf. reagieren. Erspart richtig viel Zeit und vor allem Nerven.

Bonustipp Urlaub: Feste Digitalzeit schaffen

Wenn man im Urlaub schon digital Dinge erledigen möchte (oder muss), sollte man sich einen festen Slot geben. Für mich funktioniert es sehr gut, wenn ich Abends (wenn alle schlafen) meine digitale Zeit nehme und Dinge erledige. Dies mache ich dann kompakt am Stück und ohne andere zu stören. Eine feste Digitalzeit bündelt jedenfalls die Ablenkung und fokussiert den Geist auf die Erledigung von Themen. Zudem schwingen die Dinge nicht den ganzen (Urlaubs)Tag geistig durch den Kopf und lenken ab bzw. führen zu negativen Stress.

Von daher hoffe ich, dass die Tipps vielleicht ein paar Anregungen liefern konnten. Geschrieben habe ich den Artikel übrigens im Flugzeug und am späten Abend auf der Terrasse am Meer.



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