Billigfleischskandal zeigt unseren bequemen Selbstbetrug

von Sebastian Bluhm

Ich würde mich selbst als recht besonnenen Menschen einordnen. Bevor ich einmal emotional explodiere, müssen schon einige Dinge passieren. Heute möchte ich jedoch einmal ein Thema aufnehmen, das mich in den letzten Wochen zunehmend wütend gemacht hat. Es geht um den Coronaausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies und die Diskussion über Billigfleisch und die Folgen. Mir geht es bei diesem Artikel nicht um das Sachthema, sondern den Umgang von uns allen damit und die dahinter liegende Frage zum Mindset. 

Warum passiert nach einem großen (und meist kurzen) Aufschrei der Empörung dann so wenig und der Mensch geht zum gewohnten Alltag über? 

Empörungskultur 

Nicht erst seit den sozialen Medien und Donald Trump als Präsident der USA nimmt man eine immer polarisierende Empörungskultur wahr. Es findet bei vielen Themen eine Reduktion des Inhaltes auf ein „Ja oder Nein“, „gut oder schlecht“ oder „dafür oder dagegen“ statt. Diese Vereinfachung von umfangreichen Themen mag der Wunsch nach einfachen Antworten in einer immer schneller und komplexer wirkenden Welt sein.

Ich finde, der Ton in den Diskussionen wird zunehmend schriller und aggressiver. Es kommen damit Themen in den Fokus, die als Symptom einer Konsumgesellschaft gewertet werden können. Ob Billigfleisch, Billigurlaub oder Billigmode, die negativen Folgen für Menschen, Tiere und Umwelt sind fast allen Menschen bekannt.

Der (berechtigte) Aufschrei führt jedoch (meist) nicht zu einer nachhaltigen Änderung der Themen. Gerne wird auf DIE Politik und DIE Wirtschaft und DIE Anderen verwiesen.

Warum ist das so: Kognitive Dissonanz & Fleisch-Paradoxon

Der Sozialpsychologe Leon Festinger entwickelte die Theorie der kognitiven Dissonanz, die später in vielen Experimenten auch bestätigt werden konnte.

Dieses Modell geht davon aus, dass der Mensch in ein unangenehmes Spannungsfeld (Dissonanz) kommt, wenn seine Entscheidungen, Handlungen oder Informationen nicht zu seinen Überzeugungen, Werten und Gefühlen passen. Um diesen unangenehmen Zustand zu ändern, strebt der Mensch eine Lösung dieses Konfliktes an.

Genau in diesem Zusammenhang gibt es das sogenannte „Fleisch-Paradoxon“. Die meisten Menschen haben den Wunsch ihrer Umwelt und Tieren keinen Schaden zuzuführen, wählen jedoch durch den Konsum von Fleisch eine Ernährungsweise, die Tieren schadet. Dieser Konflikt zwischen den eigenen Werten und dem entgegenstehenden Handeln löst eine kognitive Dissonanz aus. Dieser Konflikt wird vielfach so gelöst, dass man diese Tiere als Nahrungsmittel klassifiziert und ihnen Schmerzempfinden, Bewusstsein und Intelligenz abspricht.

Im Klartext ist dies ein lupenreiner Selbstbetrug zur Rechtfertigung der eigenen Handlungen.

Man kann einen Menschen nichts lehren; man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu finden.

Galileo Galilei


Fleischkonsum könnte das neue Rauchen sein

Die viel spannendere Frage hinter dem „Billigfleisch“ Thema wird in der Masse kaum gestellt. Es wird über das WIE einer Massentötungsfabrik gesprochen, jedoch nicht über das WARUM. 

Fast 60 Kilogramm Fleisch wurden im Jahr 2019 pro Kopf in Deutschland konsumiert. Rechnet man dazu noch den Verbrauch an Tierfutter und Produktionsverluste, liegt die Menge bei fast 90 Kilogramm. 80 Prozent der in den USA genutzten Antibiotika werden an Tiere verabreicht, um Krankheiten zu vermeiden und das Wachstum zu beschleunigen.

Die immensen gesundheitlichen Risiken von Fleischkonsum werden in den letzten Jahren immer deutlicher. Herz-Kreislauferkrankungen sind in westlichen Ländern die Haupttodesursache und stehen in direkten Zusammenhang mit der Ernährung.

Die IARC (International Agency for Research on Cancer) der Weltgesundheitsorganisation WHO stellte 2015 fest, dass der Konsum von rotem Fleisch und verarbeitetem Fleisch die Krebsrisiken deutlich erhöht. Verarbeitetes Fleisch (z.B. Wurstwaren) wurde in die Gruppe 1 der krebsauslösenden Substanzen der IARC gesetzt. Damit ist verarbeitetes Fleisch in einer Gruppe mit z.B. Asbest, Plutonium oder Rauchen zu finden.

Der Wandel beginnt immer bei einem selbst

Bis vor gut einem Jahr habe ich auch relativ viel Fleisch zu mir genommen, im Rahmen einer Low-Carb Ernährung diesen Konsum sogar noch gesteigert. Irgendwann stellte ich mir dann die Frage, ob und wie die Ernährung mit der sportlichen Leistungsfähigkeit und Gesundheit zusammenhängt. Auf diesem Weg habe ich ziemlich schnell festgestellt, dass eine fleischlose Ernährung nicht nur die Leistungsfähigkeit des Körpers erhöht, sondern auch gesundheitliche Risiken senkt.

Meinen damaligen Entschluss zum eigenen Wandel habe ich bis heute nicht bereut. Natürlich war die Änderung zuerst anstrengend, da ich meine Routinen über viele Tage bewusst verändern musste. Irgendwann hat man dann jedoch neue Routinen gebildet und lebt damit. Ich nehme zudem wahr, dass immer mehr Menschen sich mit diesem Thema beschäftigen und ein Umdenken in der Gesellschaft beginnt.

Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe.

Götz Werner, Gründer und Aufsichtsratmitglied von dm-drogerie markt



Fazit

Gerade beim Thema (Billig)Fleisch kann jeder Mensch für sich eine Änderung herbeiführen. Ebenso werden sich natürlich beliebig viele Ausreden finden, um Nichts ändern zu müssen. Ich habe die große Hoffnung, dass es gesellschaftlich zu einem Umdenken in Bezug auf Fleisch kommt. Ein verantwortungsvoller Umgang kann zu vielen Gewinnern (Gesundheit, Tiere, Umwelt, Mitarbeiter) in diesem Kreislauf führen. Der wirkliche Wandel beginnt genau dann, wenn man den aktuellen Status Quo infrage stellt und neue Wege ausprobiert. 



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